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Die friedlichen Demonstrationen für Menschen- und Bürgerrechte in Nordirland in den Jahren 1968 und 1969 wurden als Bedrohung für die herrschende Ordnung angesehen. Die Demonstrationszüge wurden von der Polizei mit harter Gewalt beantwortet. Die britische Armee wurde schließlich nach Nordirland beordert, um die staatliche Kontrolle zu gewährleisten. Anlaß für das Eingreifen der britischen Armee war der erfolgreiche Widerstand, den die Bewohner der Bogside (katholisches Wohnviertel in Derry) den vereinten Attacken von Polizei und loyalistischen Mobs in zwei umkämpften Tagen und Nächten entgegensätzten. Als der "Battle of the Bogside" ist dieser Kampf bekannt geworden. Nach der Niederlage, die sie in Derry erlitten hatte, lief die nordirische Polizei in Belfast Amok und überzog ganze katholische Viertel mit Maschinengewehrfeuer. Loyalistische Gruppen unterstützten sie, indem sie 500 Häuser in Brand steckten. Erst daraufhin entschied sich die britische Regierung , Truppen auch nach Belfast zu entsenden.

Nordirland ist ein künstliches Gebilde. Die 1921 von der britischen Regierung aufgezwungene Grenze ist in geographischer und geschichtlicher Hinsicht vollkommen unnatürlich. Sie wurde einzig und allein zu dem Zweck errichtet, die britische (protestantische) Herrschaft in einem Teil Irlands zu gewährleisten. Nordirland - "A protestant state for a protestant people". (Sir James Craig, erster Premierminister Nordirlands, 1921 - 1940) Die meisten Straßen, die einst den natürlichen Zugang zum Hinterland der Gemeinden beiderseits der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland ermöglichten, sind von der britischen Armee gesprengt und blockiert worden. Die Grenze teilt Familien, Städte, Ländereien und Gemeinden. Um die Grenze zu passieren, müssen sich die Menschen den Kontrollen der britischen Militärposten unterziehen, was häufig mit Schikanen, Erniedrigungen und Festnahmen verbunden ist - und gelegentlich mit dem Tod.

Bis heute versuchen viele Berichterstatter und Politiker immer noch, die eigentlichen Opfer für den andauernden Alptraum verantwortlich zu machen, nämlich die irisch-katholische Bevölkerung und ihre Repräsentanten. Es sieht so aus, als hätte sich an der Situation, wie sie vor 1968 war, nichts geändert. Die systematische Benachteiligung und Diskriminierung der katholischen Bevölkerung in bezug auf Wohnungen und Arbeitsplätze, die 1968 zum Wiederaufflackern der Gewalt führte, hält immer noch an. So hat die Menschenrechtgruppe "Equality" 1994 eine Liste der britischen und internationalen Wirtschaftsunternehmen veröffentlicht, die Gegenüber den Katholiken ökonomische Apartheid praktizieren. Die Wahlkreise in Nordirland sind - mit Ausnahme des Stadtgebietes von Derry - bewußt so angelegt, daß protestantische Parteien grundsätzlich die Mehrheit der Sitze erhalten. Mittlerweile ist Derry vermutlich die einzige nordirische Stadt mit echten demokratischen Verhältnissen. Obwohl in Derry die loyalistischen Abgeordneten in der Minderheit sind, stellen sie aufgrund eines Rotationssystems ihren eigenen Bürgermeister.

Im Jahr 1974 verhandelte der englische Premierminister Wilson mit der IRA und vereinbarte einen Waffenstillstand. Die Abteilung M15 des britischen Geheimdienstes hat hingegen gleichzeitig loyalistische paramilitärische Organisationen systematisch unterstützt und mit Waffen versorgt, um in einer Reihe von Anschlägen den Waffenstillstand mittels ungebremster sektiererischer Gewalt zu beenden. Auch die im Jahr 1994 in Kraft getretene, von der IRA verkündete Waffenruhe ist durch Anschläge der loyalistischen Paramilitärs gefährdet.

Der Konflikt in Nordirland besteht aus mehreren Teilkonflikten und es ist deshalb um so schwieriger zu einer Lösung zu gelangen. Die Erklärungsansätze für die Ursachen des Nordirlandskonflikts sind breit gefächert. Während die Nationalisten auf die negative Rolle des britischen Staates verweisen, sehen Unionisten in der Aufrechterhaltung des irischen Verfassungsanspruchs auf die gesamte Insel den Hauptgrund des noch immer nicht gelösten Konflikts. Demzufolge variieren auch die Lösungsansätze für den Konflikt. Nationalisten unterscheiden zwischen traditionellen und neonationalistischen Ansätzen. Der traditionelle Ansatz beinhaltet, daß Großbritannien sich zurückziehen soll und eine Wiedervereinigung Irlandsangestrebt wird. Der neonationalistische Ansatz hingegen basiert auf einem längerfristigen Ausgleich und strebt eine gleichberechtigte Rolle für die Republik Irland an. Die Unionisten, im Gegensatz zu den Nationalisten, sehen diese Vorschläge als nicht akzeptabel an und die Föderalisten fordern die Wiederherstellung der Autonomie Nordirlands. Letztlich besteht noch eine Gruppe von Integrationisten, die eine Ausweitung des britischen Parteisystems nach Nordirland befürworten würden. Erklärungsansätze interner Art betreiben in der Mehrheit religiöse, ökonomische oder kulturelle Ursachenforschung.
Religiöse Interpretationen sehen den religiösen Fanatismus als Hauptursache, der den gesellschaftlichen Graben verbreitert. Kulturelle Erklärungsmuster sehen den Konflikt als "ererbt" und die ökonomischen Gründe des Konflikts werden vorallem in bestehenden Ungleichheiten und Benachteiligungen der nationalistischen Bevölkerungsgruppe gesehen. Der Realität Nordirlands am ehesten gerecht wird man, durch Verknüpfung von externen und internen Faktoren. Ebenso von Bedeutung sind die historisch gewachsenen Trennlinien, wobei gemeint ist, daß Differenzierungen zwischen Kath. und Prot. schon länger bestehen und die kulturell wie politisch gebundenen, rivalisierenden Nationalismen. Ebenfalls von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist der Einfluß interner politischer Entwicklungen in GB und Irland, wobei die Regierungswechsel und die damit verbundenen Kursänderungen wesentlich waren und das Konfliktverhalten der Parteien beeinflußten. Des weiteren ist erwähnenswert, daß im 19. Jahrhundert die Idee der nationalen Selbstbestimmung aufkam und die antikolonialen Befreiungsbewegungen nach dem zweiten WK. Abschließend muß man aber beifügen, daß die Lösung des Gesamtkonflikts nur möglich wird, wenn parallele Lösungen der einzelnen Teilkonflikte gefunden werden können.